Archiv aller Artikel
Entdecken Sie alle 17 veröffentlichten Arbeiten von Julius Schophoff
Ich bin eine Insel
Vielleicht leiden wir heute weniger unter der inneren Verinselung als unter dem äußeren Zwang, immerzu Teil einer Masse sein zu müssen, a part of the main. Vielleicht ist uns in all dem Chaos unsere Mitte abhandengekommen, weil wir nicht mehr die Zeit oder den Raum oder den Mut finden, uns selbst zu erkunden. (Ausgezeichnet mit dem VDRJ-Medienpreis Text)
Die Herzen
So stehen sie da, nicht lang vor Weihnachten, die fliegenden Händler mit ihren illegalen Herzen. Und der Eiffelturm strahlt und die LEDs blinken und der Wind weht kalt an diesem Winterabend in der Stadt der Liebe.
Insel mit Schlagseite
Den ersten Anruf verschlief er. Beim zweiten Klingeln stand er auf und ging hinüber ins Büro. »Pronto?« Es war der Polizist aus Giglio Porto, der kleinen Hafenstadt, die alle nur giù nennen, unten. »Sergio, komm schnell zum Hafen! Da ist ein großes Schiff, irgendetwas stimmt nicht. Es ist schon ganz nah an den Felsen.« (Ausgezeichnet mit dem Columbus Autorenpreis)
Licht aus, Spot an
Es war einmal eine Stadt, die die Sonne nicht sah. Im Schatten der Berge lagen Rathaus und Kirche, Schule und Kraftwerk. Lang und düster waren die Winter, von der Sonne vergessen zankten die Kinder, weinten die Mütter, fluchten die Väter. Bis eines Tages, mitten auf dem Marktplatz, ein Wunder geschah. (Ausgezeichnet mit dem Columbus-Autorenpreis)
Wird schon!
Wer an Sicherheit glaubt, ignoriert das Wesen der Welt. Gegen die entscheidenden Dinge kann man sich nicht versichern; es gibt keine Policen gegen das Unglück. Bei höherer Gewalt wird nicht gehaftet. Ich bin nicht religiös, aber wenn ich nachts zum Himmel blicke, frage ich mich: Ist nicht alles irgendwie höhere Gewalt?
Wackeln Sie mal mit dem Mittelzeh
Irgendetwas ist schiefgelaufen, als wir mit unseren Greiffüßen von den Bäumen geklettert und in luftgepolsterte Sneakers geschlüpft sind. Wir haben, vielleicht ist es so einfach, den Kontakt zum Boden unter unseren Füßen verloren.
Kinder des Ozeans
Er könnte nun von Meeresströmungen und Windwellen sprechen, vom Ausgleich zwischen Tiefdruckgebieten über Grönland und Hochdruckgebieten über dem Atlantik – doch was er sagt, ist: „The ocean is a creature.“ Er meint nicht die Wesen darin, er meint das Meer selbst, als Ganzes. „It’s alive.“ Es lebt. Und jetzt, nach dem Dämmerschlaf des Sommers, wacht es auf und beginnt, heftiger zu atmen.
Lasst mich in Ruhe
Ich pflege meine Einsamkeit. Ich habe noch nie etwas gepostet, gelikt oder getwittert. Ich schließe die Tür und zünde eine Kerze an. Ich schreibe per Hand. Mein Telefon hat ein Kabel und klingelt an vielen Tagen: gar nicht. Das ist gut. Ich brauche meine Ruhe.
Extrem entspannt
Was glücklich macht, ist nicht die Leistung, sondern diese innere Ruhe, dieses Vertrauen, dass es kein Problem ist, da unten zu sein. Es geht nicht darum, sich zu beherrschen oder irgendetwas auszuhalten – sondern alle Anspannung loszulassen, so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen und sich im Einklang mit der Umgebung zu bewegen, langsam und harmonisch wie ein Wal.
Komm, wir fangen einen Schatz!
Die letzten Tropfen fallen noch, als er wieder rausspringt und die Angel auswirft. Dunstschwaden ziehen über den See, ein Schleier auf dem dunkelgrünen Spiegel. Die Sonne bricht durch die Wolken, ihr goldener Widerschein tanzt wirbelnd auf dem Wasser. Irgendwo da muss es sein, gleich unter der funkelnden Oberfläche: das größte Glück der Erde.
Was für Vögel!
Und eine Taube ist nichts gegen einen Adler! An meiner Pinnwand steckt eine Postkarte mit dem Gesicht eines Weißkopfseeadlers. Mit bohrenden, gelben Augen blickt er quer durchs Büro auf mich herab. Diese Autorität hat kein Rektor, kein General, nicht mal ein bayerischer Ministerpräsident. Vögel wissen vielleicht nicht alles; aber sie wissen etwas, was wir nicht wissen.
Morgen ziehe ich weiter
Kathmandu, das klingt nach Morgenröte und schneeweißen Gipfeln, nach Selbstfindung bei Sonnenaufgang, nach Cat Stevens in Schlaghosen, der mit einem Haufen kiffender Blumenkinder am Feuer sitzt und an seiner Gitarre zupft, We’ll start a fire, white warm light the dawn, und dann die Hippies im Refrain: Kathmandu, I’ll soon be seein’ you. Von wegen.
Sie kommen
In den Wochen und Monaten nach dem Verschwinden des Objekts kommt es im Internet immer wieder zu seltsamen Abweichungen. Viele Rechner entziehen sich der Kontrolle ihrer Nutzer und scheinen auf geisterhafte Weise weiterzuarbeiten und eigene Ziele zu verfolgen. Am Weihnachtsabend 2023 erscheint weltweit, auf allen ans Netz angeschlossenen Monitoren, dieselbe Botschaft, in Hunderten von Sprachen und Dialekten. Unter einem Logo in Form einer golden glänzenden Kugel steht der Text: »Jetzt wache ich über euch.«
Pssst!
Denn das Glück, das weiß man als Erwachsener, liegt in der Stille. Ist es nicht meine Pflicht als Vater, sie vorm Trommelfeuer der Medien zu beschützen? Sie an die Hand zu nehmen und behutsam vom Dopaminkarussell wegzuzerren? Komm, mein Kind! Ich zeige dir die Kraft der Kontemplation, ich führe dich zu den Wundern der Stille.
Familie Schmidt aus der Sicht eines wilden Bären
Wenn es stimmt, dass jeder Deutsche im Schnitt zehntausend Dinge besitzt, kommt ein Camper auf zwanzigtausend: Alles, was er zu Hause hat, braucht er noch mal, in leicht und klappbar und wasserdicht, aus Aluminium oder Polypropylen oder 100 Prozent Melamin. Das einfache Leben, das Campingkataloge propagieren, ist in Wahrheit eine Materialschlacht.
Das Magische Kanu
Wir sehen Seelöwen schwimmen und Meerotter baden, Kanadareiher fischen und Eisvögel jagen. Wir werden von Delphinen begleitet und sehen die Rückenflosse eines Orcas, ein schwarz glänzendes Schwert, das in Zeitlupe aus den hellblauen Wogen sticht. Wir erschrecken beim Prusten der Buckelwale und als die Sonne schon tief steht, erscheint in der Fontäne eines Wals ein Regenbogen.
Der Anfang des Lebens
Drei Jahre vor der Geburt meiner Tochter starb mein Vater. Einen Monat lang saß ich an seinem Bett, sah, wie er immer gelber und schwächer wur- de. Als er dann ging und sein kalter Leib vor mir lag, wunderte ich mich, wie wenig mir dieser Körper bedeutete. Mit meinem Vater hatte er nichts mehr zu tun; er war längst weg. »Das, was wir Tod nennen, ist in Wahrheit der Anfang des Lebens«, stand in seiner Todesanzeige